„Huehnenfeldstraße“, „Rohr Bochum“, „Mirkerstrasse 61“, „Im Hinterhof“, „Container“, „An der A3“, „Hinter der Schutzwand“ – so benennt Eilike Schlenkhoff ihre Fotografien nach selbstgebauten Modellen. Die Titel beziehen sich auf bestehende oder auch fiktive Adressen und Ecken im Ruhrgebiet, die gemeinhin nicht als schön oder pittoresk bezeichnet werden würden. Vielmehr sind es Nichtorte oder Randschauplätze einer durch Industrialisierung gekennzeichneten Gegend, die mit ihren Details das Interesse der Künstlerin unter dem Gesichtspunkt der Malerei weckt: Straßenecken mit abgerissenen Plakatwänden, marode Leitungen und verrostete Abflussrohre in Hinterhöfen, verschmutzte Fassaden und rote, mit Antennen und Satellitenschüsseln gespickte Ziegeldächer – belebt, doch menschenleer.

In Anlehnung an diese (Nicht-)Orte baut die Künstlerin aus Karton, Papier und Modelliermasse Modelle, bei denen weder Perfektion und Detailtreue noch einheitliche Proportionen und Maßstäbe im Vordergrund stehen. Als Meisterschülerin von Cornelius Völker widmet sich die junge Künstlerin vielmehr den Oberflächen und der Bemalung der Modelle und hebt sich damit beispielsweise von der Arbeitsweise Thomas Demands, der eine stoffliche Differenzierung in seinen Modellen komplett vernachlässigt, eindeutig ab.

Schlenkhoffs erfundene, illusionistische Kulissen, meist liebevoll mit kleinen Details ausgeschmückt, sind krumm und unperfekt. Sie erinnern vielmehr an eine Märchenwelt oder das Bühnenbild eines Kindertheaters, als an ein standardisiertes Architekturmodell. Jedem noch so vermeintlich unbedeutenden Element widmet sie sich aufmerksam, formt und bemalt es. Die ursprüngliche Rauheit und Trostlosigkeit der vorgefundenen Orte transformiert sie in etwas Heimeliges, Vertrautes, das zugleich auch einer dem Modellcharakter gemeinhin eingeschriebenen Kühle und Anonymität entgegensteht. Die Welt durch Schlenkhoffs Augen ist eine zuversichtliche und vertrauenserweckende, in der nichts dem Zufall überlassen ist, alles seinen Platz und seine Daseinberechtigung hat. Zwar sind ihre Modelle verfremdet und stilisiert, doch sind sie keiner Verallgemeinerung oder Vereinfachung unterworfen. Statt durch Objektivität, sind die Objekte von der ganz eigenen Sicht der Künstlerin auf die Welt gekennzeichnet. Und wo andere Modelle eine bauliche Perfektion suggerieren, die in der Realität kaum gegeben ist, spiegeln Schlenkhoffs Objekte das Unperfekte der Welt wider und übersteigern dieses sogar.

Als atmosphärischer Hintergrund der urbanen und kleinbürgerlichen Szenerien kommen bemalte Leinwände zum Einsatz, mit welchen die dreidimensionalen Gebilde – bevor sie wieder zerstört oder weiterverwertet werden – in Szene gesetzt und fotografisch festgehalten werden. Aufgrund ihrer malerischen Qualität per se gleicht ihr fotografisches Abbild einem Gemälde. Durch die Umwege über die Bildhauerei und die Fotografie ist Schlenkhoffs Illusionismus zwar spürbar, aber weniger nachvollziehbar. Darüber hinaus werden die C-Prints in auffälligen und altmodischen Rahmen zusammen mit gemalten, nahezu ungegenständlichen Motiven der gleichen Farbpalette auf ungerahmten Leinwänden präsentiert. Das im Schaffensprozess angelegte Wechselspiel von Dokumentation und Interpretation, Fotografie und Malerei reizt Schlenkhoff aus, bis zuletzt.

 

Katalogtext von Jari Ortwig anlässlich der Ausstellung “Camera Obskur” im Kunstraum Düsseldorf, 2013